David, Leben
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Der tiefe Sinn von Einsamkeit – reloaded

Sinn von Einsamkeit

Der tiefe Sinn von Einsamkeit

Wer ist schon gerne alleine? Wir werden in eine Familie hineingeboren, werden von Anfang an umsorgt und gehegt und gepflegt – werden Teil einer mehr oder weniger kleinen Gemeinschaft und fühle uns dort hoffentlich pudelwohl. Dann geht es in den Kindergarten – auch hier schön eingeteilt in Gruppen – Spielecke, Puppenecke, immer schön zusammen spielen. Steht ein Kind irgendwo allein und das häufiger, wird gefragt, was hat es denn – “Bedrückt Dich etwas?”

Und weiter geht es in die Schule – auch hier Klassengemeinschaften, Klassensprecher, Ausflüge, Klassenparties und Abi-Streiche und anschließend der große Ball, das Trauern, wenn man auseinandergeht, weil die schöne Gemeinschaft vorbei ist.

Und in den Jahren davor lernte man das Verliebtsein, den Schmerz der Trennung und die Suche nach neuen Beziehungen.
Nicht wenige, die damit nicht Schritt halten konnten, die mehr allein als zusammen mit anderen waren, die in Einsamkeit ertranken – sie landen bei Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen, in psychiatrischen Kliniken, ja, und nicht selten in Notfallambulanzen.
Können wir vom Sinn der Einsamkeit sprechen? Hat Einsamkeit überhaupt einen Sinn?

Der Mensch als Homo Socialis

Man muss wie immer unterscheiden! Es gibt die Einsamkeit, die wir nicht ertragen können und die keinen Sinn hat: Kinder, die immerzu nur ganz für sich sind, die sich zurückziehen und jeden Kontakt meiden. Diese Einsamkeit kann nicht gut sein. Wir sind ein Homo Socialis, der auf Kontakte und Begegnungen angewiesen ist und nur so wirklich zu einer menschlichen  Reife gelangt. Martin Buber hat das zum Grundstein seiner Philosophie gemacht und davon lebt unser ganzes Gesellschaftssystem und unser Bildungsystem. Der Mensch wird am Du zum Ich, schrieb beispielsweise Martin Buber. In und aus der Begegnung wird der Mensch sich selber finden. Das Judentum und das Christentum stellen in einem noch größeren Maße, wie ich finde, die personale Begegnung in den Mittelpunkt ihres Glaubens. Das personale Gottesbild ist dafür auch mehr als geeignet und alle Sakramente sollen ja in eine Begegnung führen, sollen aufnehmen in eine Gemeinschaft, sollen vereinen mit Gott, sollen zuordnen, bestimmen – immer geht es um das eine Band, das gestärkt werden soll, als ginge es darum, ein für alle Mal die Einsamkeit aus unserem Leben hinauszuschieben, als könnten wir dadurch in ewiger Verbundenheit leben und sein.

Nein, in diesem Sinne kann man nicht nach dem Sinn der Einsamkeit fragen.

Wer die einsamen Herzen zu Weihnachten kennt, die Einsamen in den Heimen und Anstalten, im Knast wie in den dunklen Nächten der Krankenhäuser, der wird klar erkennen: Einsamkeit hat keinen Sinn, es ist schädlich und manchmal auch lebensgefährlich.

Die Ärzte wissen es – da nicht selten alte Menschen in die Sprechstunde kommen, um sich etwas an Kontakt und Begegnung abzuholen. Da wird schnell jedes kleine Wehwehchen zur willkommenen Krankheit.

Um es nochmal zu sagen: Der Sinn der Einsamkeit, er wird sich nicht auf diese Form des Leidens beziehen können.

Aber gibt es denn eine Einsamkeit, der man einen gewissen Sinn unterstellen kann, eine Einsamkeit, die einem gewissermaßen willkommen ist, die man vielleicht sogar sucht – auch und trotz des Leidens, die auch sie beinhalten wird?
Ja, die gibt es – tatsächlich.

Entwicklung und Einsamkeit

Und sie beginnt genauso früh, wie die andere Einsamkeit beginnen kann.
Die Geburt ist schon der erste Schritt. Aus der allumfassenden Verbundenheit mit der Mutter werden wir herausgerissen und landen in dieser Welt – viel kälter, weniger Nah, ohne pulsierende Herztöne, die mich umgeben und durchdringen und ohne dieses paradiesische Genährtsein. Schon damit beginnt alles. Und es geht weiter – jeder Schritt, den ich lerne, jedes Krabbeln schon wird mich wegführen aus einer Verbundenheit, die wohl tut.

Der Kindergarten und die Schule führen uns räumlich weg von zu Hause, weg aus der Verbundenheit, in die wir eingebunden sind.

Und genau so geht es weiter – immer weiter. Und erst, wenn wir Erwachsen sind, können wir vielleicht begreifen, dass Entwicklung immer in eine neue Einsamkeit führt, das Individualität zwar einerseits “Ungeteiltheit” heißt, aber mit mehr Individualität ich mich doch immer mehr in ein Getrenntsein begebe, in ein Ich-Sein, Für-mich-Sein.

Nicht nur, aber gerade die spirituelle Entwicklung führt letztlich in die Einsamkeit. Buddha saß alleine unter seinem Baum, Jesus hing zwar zwischen den Schächern, aber von Gemeinschaft kann man da schwerlich sprechen. Und auch vor seinem gewaltsamen Tod: Jesus war keiner von ihnen, keiner, wie die Apostel. Er war in gewisser Weise einsam und musste es sein.

Entwicklung und Suche führen in die Einsamkeit. Wer diese Einsamkeit nicht will, wer immer in der Verbundenheit leben will – übrigens auch die mit Gott – der muss sich jeglichen Fortschritts verweigern, muss so bleiben, wie er oder sie ist.

Ohne Einsamkeit gibt es keine menschliche Entwicklung und gibt es keine Spiritualität.

Nun könnte man sagen: und die Klöster und die Gemeinden, ja, die Kirche selber? Ja, die gibt es und sie helfen vielleicht diese Einsamkeit zu tragen, aber sie sind vielleicht auch nicht immer der Endpunkt unserer Entwicklung, sondern Stationen, Oasen zum Ausruhen und Kraftschöpfen auf den weiteren Weg.

Ich kann es nur sagen und vermutlich wird mir jeder Mitbruder zustimmen: Ein Kloster ist genauso ein Ort der Einsamkeit wie es eine Familie sein kann. Und gerade die Mönche sollen ja diese Einsamkeit (nicht die, die ich am Anfang beschrieb) suchen, denn je mehr geistliche Erfahrung ich mache, je weniger kann ich teilen. Erfahrung wird, je älter man wird, immer individueller, persönlicher, einzigartiger und manchmal sogar gewöhnlicher. Es gibt irgendwann nichts mehr zu teilen, nichts mehr zu sagen und miteinander zu besprechen.

Das Schweigen steht am Ende, ist das Ende der Entwicklung, ist das letzte Wort, das gesprochen wird.

Spiritualität und Einsamkeit

So ist die Meditation und Kontemplation, oder wie immer wir es nennen, substantiell für den geistlichen Weg. Denn schauen wir hin, was in solchen Augenblicken passiert: Wir sitzen alleine da, oft mit geschlossenen Augen und schweigen. Es ist gestaltete Einsamkeit – selbst wenn noch andere mit gleicher Intention neben mir sitzen.

Die, die wir Mystiker nennen, sie kannten diese Einsamkeit, der sie nicht entrinnen konnten, die sie suchten und nicht selten verfluchten. Das Schweigen und die Einsamkeit gehören zusammen, sind wie Ein- und Ausatmen, ohne sich ausgestoßen zu fühlen.

Und die Künstler kennen das, im Tun und Gestalten, im Ringen um Form und Farbe, allein dem Werk ausgesetzt zu sein, das ja auch nur etwas von mir ist und nichts Fremdes, was mein Alleinsein beenden könnte. Im Gestalten und Schöpfen wird Einsamkeit offenbar und notwendig.

Das heißt: Der Sinn von Einsamkeit ist die Erkenntnis, dass ich mich in der persönlichsten aller Erfahrungen, in dem individuellsten Augenblick, in der einzigartigsten Situation in dem auflöse und mich mit dem verbunden fühle, was uns alle trägt, von dem alles getragen wird und was letztlich alles ist. Die Einsamkeit, diese Einsamkeit führt in die Fülle, in die Gemeinschaft, jenseits von allen weltlichen und kirchlichen Gemeinschaften, eine Gemeinschaft mit allem.

Wer den Weg des Glaubens, der Suche, wer geistlich leben will, wer künstlerisch gestaltet, der sollte sich auf diese Einsamkeit gefasst machen und zugleich wissen: Das Ende dieser Einsamkeit ist nicht die Vereinzelung, sondern die Fülle, der Geist, das Geheimnis des Seins, das wir Gott nennen.

 

4 Kommentare

  1. Heike sagt

    Ich kommentiere mal nur mit fremden Worten, mit dieser schönen Liedstrophe:

    Wird es dann wieder leer,
    teilen die Leere wir.
    Seh dich nicht, hör nichts mehr,
    und bin nicht bang: Du bist hier.

  2. Jutta sagt

    Danke für diesen Beitrag! Die Balance zwischen fruchtbarer Einsamkeit einerseits und trostloser Einsamkeit andererseits beschäftigt mich immer wieder. Helm Stierlin schreibt dazu (in: Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen, S. 42): Unsere Abhängigkeit von anderen Menschen zwingt uns zu einer Gratwanderung, bei der wir nach zwei Seiten hin straucheln können: nach der Seite einer zu großen Abhängigkeit hin, die uns als Individuen auszulöschen droht, und nach der Seite einer Unabhängigkeit hin, die uns als Individuen veröden lässt. Also Furcht vor Verlassenheit und Einsamkeit einerseits und Furcht vor der Desintegration als Individuum andererseits.
    In diesem Zusammenhang schätze ich die Beiträge zum Thema „Mystiker werden“ sehr – vielleicht ist das ein Weg, den ich gehen, eine Brücke, die mich tragen kann.

  3. Corinna Stahr sagt

    Hallo, ein sehr schöner Beitrag.

    Ich finde eine Mischung aus Beiden ist doch sehr schön…

    Ich mag die Einsamkeit und das Alleinsein bei mir zuhause

    geniesse es dann aber auch rauszugehen und den Tag mit Freundinnen zu geniessen…

    Allen einen schönen Sommer…

    Ganz lg Conni

  4. Meta Kahl sagt

    In einer großen Familie aufgewachsen, früh verheiratet, kamen die Kinder und Enkel. Die immer vorhandene Sehnsucht nach ausschließlich meiner eigenen Gesellschaft konnte ich im Zuge des älter werdens immer öfter ausleben. Stunden.-, Tage.- und sogar wochenlang war ich schon allein mit mir, und je älter ich werde, um so mehr genieße ich es. Einsam habe ich mich nie gefühlt.

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