Zwar hat man im Kloster keine 5-Tage-Woche und kann auch nicht damit rechnen, nach 38 Stunden in der Woche seine Arbeit ruhen zu lassen, doch was viele Menschen in China an Arbeitslast haben, das übersteigt dann doch erheblich das Maß dessen, was ich kennengelernt habe. Gott sei Dank.
Viele Chinesen arbeiten 7 Tage die Woche, es gibt dort keine Tradition des siebten Tages, an dem man ruht. Bekanntlich ist das eine jüdisch-christliche Tradition, die man nicht nur in gläubigen Kreisen zu schätzen weiß.
Wie aber lebt man, wenn man immer arbeiten muss? Und ich ahne, dass in China auch der Urlaub nicht großzügig bemessen sein wird.
Wie also kann man in solch einer Lebenssituation sein Leben erleben? Und wenn ich die Frage noch zuspitzen darf: Wie kann man das als junger Mensch?

Roofing
Roofing [ˈru:fɪŋ] (englisch für ‚Dacheindeckung, Überdachung‘), auch Rooftopping [ˈru:fˈtɒpɪŋ] (englisch etwa für ‚auf der Dachspitze sein‘) wird eine Tätigkeit genannt, bei dem meist Jugendliche und junge Erwachsene ohne Sicherung auf hohe Bauwerke oder Gebäude klettern, um sich dort zu fotografieren oder zu filmen. Solche Jugendliche werden als Roofer [ˈru:fəʳ] oder Roofr [ˈru:fʳ] bezeichnet. Rooftopping stellt in vielen Ländern eine Straftat dar.
https://de.wikipedia.org/wiki/Roofing

Die jungne Männer von Shanghai

Ich habe vor ein paar Wochen einen interessanten Bericht über junge Männer in Shanghai gesehen. Sie leben in kleinen Wohnungen zu viert oder fünft – niemand hat ein eigenes Zimmer.
Und wenn sie dann mal freihaben, dann gönnen sich einige ein ganz besonderes Vergnügen. Sie haben es sich zu einem Hobby gemacht, auf eine der zahlreichen Wolkenkratzer zu klettern und sich von dort aus zu fotografieren. Das ist nicht ganz einfach, da die Wolkenkratzer bewacht werden. Aber mit etwas Geschick und Mut schaffen sie es dann doch. Und so setzen sie sich an den Rand, die Beine baumeln im Freien und sie machen ein Foto, das genau diesen besonderen Moment einfängt. Gerne klettern sie auch auf aufwändig konstruierte Blitzableiter oder andere Stellagen, die sich auf solch hohen Häusern befinden.
Die Fotos werden dann per Instagram veröffentlicht und das Ziel ist es, möglichst viele Likes und Kommentare zu erhalten. Je spektakulärer die Fotos, umso größer ihr Erfolg. Und so gehen sie immer wieder große Risiken ein. Gesichert durch Seile oder Gurte ist bei diesem “Sport” niemand.
Warum machen das diese jungen Männer, das habe ich mich gefragt. Ich habe mich das auch gefragt, da ich selber Höhenangst habe und mir niemals vorstellen könnte, allein für ein Foto solche Risiken einzugehen. Aber auch mal davon abgesehen stellt sich die Frage, warum jemand etwas Derartiges tut.


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Ich habe den Film über die jungen Chinesen nicht mehr gefunden. Hier wurden zwei russische Jugendliche in Shanghai gefilmt. Aber das Thema und die Aussage sind identisch.

Das Symbolische im Leben

Meine Grundannahme ist, dass sich hier etwas hochgradig Symbolisches ereignet und vollzieht. Hier geht es nicht nur um ein paar Männer, die ein Abenteuer suchen, sondern hier vollzieht sich etwas Tieferes.
Ja, junge Männer lieben zumeist Risiken und Abenteuer – egal in welcher Kultur. Und wenn man die ganze Woche arbeitet, dann sucht man einen Ausgleich, etwas jenseits von Schreibtisch, Computer und Meetings. Da bietet sich ein Wolkenkratzer doch an, oder?
Doch damit wird man der Sache meines Erachtens nicht wirklich gerecht. Es ist noch zu oberflächlich.
Auch die Idee, das Ganze als etwas Subversives anzusehen, als eine Art Revolte gegen das System, ist mir noch zu kurz gegriffen. Ja, sie tun etwas Verbotenes. Und Verbote haben in China gewiss noch etwas Unerbittlicheres als bei uns. Handelt es sich also um eine Art stille Revolte?
Das alles aber genügt mir nicht. Meines Erachtens muss man dieses Phänomen aus einer symbolischen Sicht heraus betrachten. Ich will damit nicht sagen, dass es die einzige und die legitime Antwort ist, aber eine, die oft übersehen wird.

Versuchen wir es also einmal, schauen wir uns das Ganze aus einer symbolischen Sicht heraus an. Sogleich können wir erkennen, dass es hier um drei Aspekte geht. Es geht um einen Wolkenkratzer, es geht um Tiefe und Fotos.
Nehmen wir uns die Dinge nacheinander vor:


Der Wolkenkratzer

Die jungen Männer steigen also auf einen Wolkenkratzer. Das ist so ähnlich, als würden sie auf einen Berg steigen. Es besteht kein großer Unterschied, zumal es hier vor allem um die Höhe geht. Die Spitze des Berges aber war immer ein besonderer Ort, ein Ort der Gottesbegegnung. So war es bei Mose und so war es auch bei der Verklärung Jesu auf dem Berg Horeb. Immer wieder sind es hohe Berge oder in modernen Zeiten dann hohe Gebäude, die eine Gottesbeziehung schaffen. Unsere Kirchen haben zumeist einen Turm. Moscheen haben ein Minarett. Auch hier wird eine Verbindung zwischen Himmel und Erde durch ein hohes Gebäude geschaffen.
Aber es gibt auch noch andere Türme, wie den Turm von Babel, wo sich Menschen aufmachen einen Turm so hoch zu bauen, um letztlich Gott gleich zu werden. Hier ist der Turm ein Ort des Übermutes, der Hybris.
Oder man denke an den Eiffelturm. Er ist ein Symbol des Industriezeitalters und hat im Grunde die gleiche Symbolik wie der Turmbau. Man hört förmlich den Ausruf: Seht, was wir alles können, bis in den Himmel kommen wir.
Ein Turm oder Berg oder eben ein Wolkenkratzer kann also zweierlei bedeuten. Er kann für die Gottesnähe stehen, für Weisheit und Ordnung (Mose auf dem Berg in Sinai) stehen oder aber für Hybris und Hochmut. Was damit gemeint ist? Das sind genau zwei Arten von Persönlichkeitstypen oder man kann auch sagen, zwei Arten von dem, was wir Ich bzw. Selbst nennen.
Gehe ich auf einen Berg zur Gotteserfahrung, dann sprechen wir von einem Selbst, also einer inneren Instanz, die gar nicht mehr meinem Einfluss unterliegt, sondern die mich zutiefst mit Gott oder dem Göttlichen verbindet. Es ist im Grunde eine mystische Ebene oder ein mystisches Ich in mir.
Gehe ich auf den Berg oder einen Turm, um mich zu stärken, um größer zu sein als andere, dann verstärkt das meine Ego-Kräfte, die immer nur auf mich schauen und mein kleines Leben ins rechte Licht rücken wollen.
Für die jungen Männer aus Shanghai bedeutet dies, dass sie vermutlich nicht aus spirituellen Gründen auf die Wolkenkratzer steigen, aber dass in ihnen vielleicht doch auch eine spirituelle Sehnsucht schlummert, dass sie nach etwas suchen, dass sie zu sich selbst führt, nicht, um berühmt zu werden (Instagram-Bilder), sondern, um zu einer wirklichen Tiefe geführt zu werden. Zugleich sind sie vor eine Frage gestellt, nämlich, wie sie sich selbst verstehen und wie sie leben wollen. Welchen Berg sie also symbolisch mit dem Wolkenkratzer besteigen wollen.


Tiefe

Wer oben auf einem solchen Turm oder einem Wolkenkratzer ist, der sieht nicht nur weit, sondern auch tief. Durch Höhe erlangt man Tiefe, könnte man sagen. Und auch hier: Tiefe ist immer auch mit einer spirituellen oder existenziellen Erfahrung verknüpft. Tiefe spirituelle oder existenzielle Erfahrungen verändern, berühren, lassen neue Wege gehen und Entscheidungen treffen, oder sie werden einfach als solche wahrgenommen und erlebt.
Um das aber zu erreichen, braucht es Mut und das Risiko. Es braucht, wie in mittelalterlichen Legenden, jemanden, der gegen Angst und Risiko kämpft. Der Ritter, der gegen den Drachen kämpft und gewinnt (der Drache ist ein Symbol für unsere dunklen Emotionen) oder sich einem unbekannten schwarzen Ritter im Kampf stellt und dann zwar verwundet, dennoch gewinnt und die Prinzessin zur Frau nehmen darf. Auch der schwarze Ritter ist jemand, der für unsere innere dunkle Seite steht.
Symbolisch tun das die jungen Männer von Shanghai, aber eben nur symbolisch, auch wenn die Gefahr ganz real ist. Denn sie kämpfen nicht für etwas Großes, Gutes, sie bekämpfen ihre Angst für ihren eigenen Ruhm.
Ich will ihnen damit gar keine Vorwürfe machen, das steht mir nicht zu, sondern mir geht es darum, ihre tiefere Motivation zu heben und ihre Umsetzung einzuordnen.


Fotos bei Instagram

Warum machen die jungen Chinesen aus der Fernsehreportage Fotos und setzen sie auf Instagram? Würde es nicht reichen, wenn Sie hochklettern und Erinnerungsfotos machen?
Wenn ich eine Erfahrung nicht spirituell deuten kann, dann kommt schnell die Öffentlichkeit dazu, dann wird es wichtig, dass andere es sehen (wenn Gott schon nicht zuschaut). Und so geben die Fotos bei Instagram den Männern Bedeutung, sie sind das Maß der Dinge, das Maß, nach dem das, was sie tun, bemisst wird. Wenn ein Bild bedeutsam ist, dann bemisst sich das an dem Maß der Likes. Um noch mehr Zustimmung zu bekommen, riskieren sie immer mehr. Die Fotos geben ihrem Tun, neben dem Kick der Erfahrung, Sinn und Bedeutung.
Und damit sind diese Männer nicht viel anders als viele junge Menschen in unseren Breitengraden.


Zusammenfassung

Im Grunde stellt sich im Tun der jungen Männer in Shanghai etwas zutiefst Symbolisches dar, etwas Symbolisches, wie es sich schon in der Bibel und in den Zeiten davor darstellte.
Und wenn ich von dem Symbolischen spreche, dann meine ich damit nicht etwas rein Innerpsychisches, sondern etwas, das noch darüber hinausgeht. Denn auch C.G. Jung war nicht der Meinung, dass es sich bei den Archetypen (so nannte er das Symbolische) um etwas handelt, das nur innerpsychisch vorkommt. Für ihn zeigten sich Archetypen in dieser Welt zwischen Menschengruppen, und selbst Naturgesetze könnte man als Archetypen bezeichnen.


Die Suche nach dem Spirituellen

Und in diesem Bericht über die jungen Männer von Shanghai steht die Suche nach dem Spirituellen, der Extase, nach der Erfüllung im Zentrum. Sie gehen den Weg nach oben, um Tiefe im Leben zu erleben, diesen besonderen Augenblick, der oft nicht ohne Risiko zu erreichen ist. Und daher ergibt es auch Sinn, wenn das Fernsehteam in der besagten Reportage drei junge Männer begleitete. Es sind eben vor allem Männer, die nach Gefahr und Risiko suchen und in unserer Welt nicht mehr fündig werden und niemand ihnen beibringt, wie man mit solchen Impulsen konstruktiv umgeht.
Es geht hier also vor allem um ein im weitesten Sinne spirituelles Bedürfnis, das sich in profaner Art und Weise ausdrückt. Aber diese jungen Männer haben Anschluss gefunden an eine tiefe Bewegung des Lebens, spüren eine Sehnsucht, die ihnen ihre Gesellschaft nicht stillen kann oder will. Und so verwirklicht sich eine Art Mythos an ihnen, eine Symbolgeschichte. So werden sie durch einen Archetypen in den Dienst genommen und hätten die Chance, tiefer zu wachsen. Nicht mehr die Tiefe aus der Perspektive des Wolkenkratzers zu erfahren, sondern die Tiefe zu erleben, die man erfährt, wenn man an der Spitze des eigenen Selbst steht. Denn der Wolkenkratzer steht für das Selbst des Menschen - insbesondere des jungen Menschen. Im Älterwerden wandelt sich die Symbolik dieses Selbst, wird eher zu einem Mandala oder auch zu einem Kreuz. In jungen Jahren aber dominieren aufragende Symbole. Auch das Schwert kann ein Symbol sein, das dieses Selbst im Traum oder in einer Geschichte darstellt und vergegenwärtigt.
Im Grunde haben diese jungen Männer eine große Chance, wenn ihnen jemand zeigt, was das bedeutet, was sie da tun und wenn sie zugleich für eine solche Perspektive offen sind.

Aber so zeigen sich in jedem Menschenleben Symbole und Formen, die unser Leben prägen und ihm Sinn und Bedeutung geben.
Wenn wir diese Zeichen und Formen erkennen, dann bekommen wir Zugang zu einer Weisheit und erfahren Führung im eigenen Leben.



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