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Du kennst das sicher: Du liegst abends im Bett und willst eigentlich nur schlafen. Du sehnst dich nach Ruhe, aber in deinem Kopf läuft ein ununterbrochener Film. Ein Kommentar folgt auf den nächsten – oft kritisch, oft laut, manchmal richtig fies. Wir nennen das heute oft Gedankenkarussell.

Die alten Wüstenväter und Mütter, jene weisen Einsiedler aus dem 4. Jahrhundert, hatten dafür einen ganz eigenen Namen. Sie nannten diese Gedanken Logismoi. Das klingt im ersten Moment sperrig, aber im Grunde beschreibt es genau diesen Feind im Kopf, der uns den Frieden raubt. Es sind Gedanken, die von außen an uns herantreten und versuchen, uns ganz für sich einzunehmen.

Heute möchte ich mit dir gemeinsam schauen, wie wir diesen inneren Lärm besser verstehen können. Wir tauchen ein in eine jahrhundertealte Psychologie, die erstaunlich modern geblieben ist. Es geht dabei nicht darum, die Gedanken mit Gewalt zu unterdrücken – das funktioniert sowieso nie. Es geht darum, eine neue Haltung zu finden: eine Haltung der Freiheit.


Der Bahnhof der Gedanken: Beobachten statt Einsteigen

Der erste Schritt, den uns die Wüstenfilitalen lehren, ist eigentlich ganz simpel und doch so schwer: Wir müssen lernen, die Gedanken zu beobachten, ohne sofort auf sie anzuspringen.

Stell dir das einmal wie einen Bahnhof vor. Die Gedanken sind wie Züge, die in den Bahnhof einfahren. Da kommt der „Ich-bin-nicht-gut-genug-Express“ oder die „Sorgen-Regionalbahn“. Die entscheidende Frage ist doch: Musst du wirklich in jeden Zug einsteigen, der dort hält? Die meisten von uns tun genau das. Ein Gedanke kommt und zack – wir sitzen drin und fahren mit in die Dunkelheit. Aber die Weisheit der Logismoi sagt uns: Du bist nicht deine Gedanken. Du bist derjenige, der am Bahnsteig steht und zusieht.

Kannst du das heute einmal versuchen? Wenn ein schwieriger Gedanke kommt, sagst du einfach: „Da ist er wieder, dieser Gedanke.“

  • Schau ihn dir an, wie ein Forscher ein seltsames Insekt betrachtet.

  • Sei neugierig, aber bleib distanziert.

  • Du musst diesem Gedanken nicht glauben.

  • Du musst ihn nicht bewerten.

Er ist einfach nur ein Phänomen, das gerade in deinem Bewusstsein auftaucht. Das ist die erste Stufe der Freiheit: den Abstand zwischen dir und dem Gedanken zu spüren.


Du bist der Fluss, nicht der Schlamm

Wenn wir erst einmal gelernt haben zuzuschauen, folgt die nächste wichtige Stufe: Wir lösen die Identifikation.

Das Problem ist meistens, dass wir denken: „Ich habe diesen Gedanken, also bin ich so.“ Wenn ein böser Gedanke über einen Nachbarn kommt, denken wir sofort: „Ich bin ein schlechter Mensch.“ Aber genau hier setzen die Wüstenväter an. Sie sagen, dass diese Logismoi wie Einflüsterungen sind, die gar nicht dein wahres Wesen ausmachen. Sie klopfen an deine Tür, aber du entscheidest, ob du sie reinlässt und ihnen einen Kaffee kochst.

Verstehst du den Unterschied? Es ist ein riesiger Unterschied, ob du sagst: „Ich bin wütend“, oder „Da ist gerade ein Gefühl von Wut in mir.“

Das Zweite gibt dir Raum zum Atmen. Du identifizierst dich nicht mehr mit dem Schlamm, der da durch dein Bewusstsein fließt. Du erkennst, dass du der Fluss bist, nicht der Schlamm. Der Schlamm zieht vorbei, aber der Fluss bleibt.

Wenn du das verinnerlichst, verliert der Feind im Kopf seine Macht. Er kann zwar immer noch schreien, aber er bestimmt nicht mehr, wer du in deinem Kern bist.


Die Kraft der liebenden Aufmerksamkeit

Gehen wir noch einen Schritt tiefer. Wie gehen wir konkret mit diesen Logismoi um, wenn sie besonders hartnäckig sind? Die Wüstenväter gaben uns einen wunderbaren Rat: Wir sollen ihnen nicht mit Hass begegnen.

Wenn du gegen deine Gedanken kämpfst, fütterst du sie nur mit Energie. Was wäre, wenn du stattdessen eine Haltung der liebenden Aufmerksamkeit einnimmst? Erinnere dich an das Beispiel mit der Türklinke aus dem „Sakrament des Alltags“, das ich vor einiger Zeit benannt habe. Kannst du deinen eigenen schwierigen Gedanken mit einer Art freundlichem Lächeln begegnen?

Es ist wie bei einem quengelnden Kind, das gerade Aufmerksamkeit will:

  1. Du nimmst den Gedanken wahr.

  2. Du schenkst ihm einen Moment Beachtung.

  3. Aber du lässt dich nicht von seinem Drama mitreißen.

Du bleibst in der Präsenz Gottes, in dieser weiten, liebenden Wahrnehmung. Du kannst dir vorstellen, dass das Göttliche in dir diesen Gedanken mit ansieht – ohne Urteil, voller Mitgefühl. In diesem Licht der göttlichen Aufmerksamkeit schmelzen viele dieser dunklen Gedanken von ganz alleine dahin. Sie können in der Wärme dieser Liebe einfach nicht überleben. Es ist eine sanfte Wachsamkeit, die nichts erzwingen will, sondern einfach nur hellwach ist.


Ein Weg zur Befreiung

Wir haben heute eine weite Reise gemacht, von den alten Einsiedlern in der Wüste bis direkt in dein heutiges Leben. Was nimmst du mit für deinen Alltag?

Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass du deinem Kopf nicht alles glauben musst, was er dir so erzählt. Du hast jetzt ein Werkzeug – die „Unterscheidung der Geister“, wie es früher hieß. Erinnere dich daran: Du bist der Beobachter am Bahnsteig. Du bist der weite Raum, in dem Gedanken kommen und gehen dürfen.

Wenn du morgen aufwachst und der erste kritische Anklopfer bei dir erscheint, dann lächle ihm noch einmal kurz zu. Sag ihm: „Ich sehe dich, aber ich steige heute nicht bei dir ein.“

Das ist kein Kampf, das ist eine Befreiung. Es ist der Weg zu einem inneren Frieden, den dir niemand nehmen kann, weil er nicht von deinen Umständen abhängt, sondern von deiner inneren Haltung. Ich wünsche dir für die kommende Woche viele Momente dieser Freiheit. Probier es aus, sei geduldig mit dir und bleib wachsam.

Du bist viel mehr als deine Gedanken. Du bist ein geliebtes Wesen, das in jedem Augenblick gesehen wird. 

David Damberg


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