Was uns im Alltag wirklich belastet, sind im Grunde weder die anderen Menschen noch die Situationen, denen wir im beruflichen oder privaten Umfeld ausgesetzt sind. Selbst der Zustand der Welt, so wie sie nun einmal ist, bildet nicht den Kern unserer Last oder unseres Leidens. Vielmehr ist es das, was all diese äußeren Umstände in unserem Inneren auslösen.

Es sind die aufkommenden Ängste, die Sorgen und die Zweifel an uns selbst oder unserer Zukunft. Es sind die Fragen, auf die wir momentan keine Antwort wissen und für die wir trotz intensiver Suche keine Lösung finden. Dass solche Situationen Gefühle in uns hervorrufen, ist vollkommen natürlich. Es wäre beinahe verwunderlich, wenn es nicht so wäre.


Der sicherste Schutz

Vor vielen Jahren stellte eine Teilnehmerin in einem spirituellen Kurs die Frage, wie man sich am besten schützen könne. Ihr ging es um einen energetischen Schutz vor den Herausforderungen des Lebens und der täglichen Nachrichtenflut, um sich innerlich wieder sicher zu fühlen. Die Antwort der Referentin war so schlicht wie einleuchtend: Wenn du bereit bist, alles zu fühlen, bist du am besten geschützt.

Diese Logik ist bestechend. Wir leiden oft nur deshalb, weil wir bestimmte Gefühle nicht wahrhaben wollen und gegen sie ankämpfen. Das eigentliche Problem ist der Widerstand gegen die eigene Emotion.


Unterdrückung ist Konservierung

Indem wir ein Gefühl unterdrücken, halten wir es unbewusst fest. Unterdrückung ist eine Form der Konservierung. Wir sperren die Emotion wie in ein Lagerhaus ein, anstatt sie ziehen zu lassen. Wären wir bereit gewesen, sie in dem Moment zu spüren, als sie das erste Mal auftauchte, wäre sie längst vergangen.

So vergrößern wir unser Leid durch den inneren Widerstand. Wir halten an Empfindungen fest, die eigentlich nur fließen wollen. Wir machen uns das Leben oft selbst schwer, indem wir die Tür vor der Angst oder der Wut zuschlagen. Doch genau darin liegt auch der Schlüssel zur Lösung.


Die Methode des Loslassens

Diesen Ansatz verdanken wir unter anderem dem Psychiater David Hawkins. Seine Methode ist klar und direkt: das Loslassen. Anstatt Gefühle zu unterdrücken, sollten wir sie einfach strömen lassen. Ein entscheidender Punkt dabei ist, das Kopfkino auszuschalten. Sobald wir anfangen zu grübeln oder nach Gründen zu suchen, verfängt sich das Gefühl wieder im Verstand.

Es geht darum, die Emotion rein körperlich wahrzunehmen und ihr den Raum zu geben, den sie beansprucht. Wenn wir erlauben, dass ein Gefühl lediglich eine körperliche Energie ist, die fließen darf, wird es sich irgendwann von selbst zurückziehen. Jedes Gefühl möchte letztlich nur eines: vollkommen gefühlt werden. Sobald dies geschieht, verschwindet es. Ganz ohne Kampf, allein durch die Erlaubnis, da sein zu dürfen.


Ein Prozess, kein Knopfdruck

Der Weg aus dem Leiden ist das Erlernen dieses Loslassens. Das kann tückisch sein. Manchmal glauben wir, wir ließen bereits los, halten aber auf einer subtilen Ebene doch noch fest, weil wir das Gefühl insgeheim eher loswerden wollen, anstatt es wirklich zu durchleben. Selbst schwierige Emotionen wie Schuldgefühle dürfen da sein. Wir können sie kommen lassen und beobachten, wie sie durch den Körper hindurchfließen.

Es erfordert Übung, die feine Balance zwischen aktivem Fühlen und passivem Geschehenlassen zu finden. Da wir unbewusst oft nach dem vertrauten Schmerz greifen, ist Beständigkeit wichtig. Wer dranbleibt, wird merken, wie sich der innere Griff lockert. Jeder Moment des wertfreien Spürens führt ein Stück näher zur inneren Ruhe.

Diese Bereitschaft zur Verletzlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern deine wahre Stärke. Es ist der Weg in ein weites, offenes Leben, getragen von Vertrauen in die eigene Kraft. Gefühle sind am Ende nur Wellen auf dem Ozean deines Seins. Lass sie rollen, lass sie kommen und lass sie wieder gehen.

David Damberg


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