Das Vaterunser gehört zweifellos zu den gängigsten Gebeten überhaupt. Eigentlich ist es das Gebet, das fast alle Christen kennen. Vielleicht hast du es auch irgendwann gelernt? Wahrscheinlich gehörst du zu den vielen Menschen, die es bis heute auswendig beherrschen. Als fester Bestandteil fast jedes Gottesdienstes begleitet es uns beständig. Es ist ein zutiefst vertrauter Text, dessen Worte wir immer und immer wieder sprechen.

Doch genau in dieser ständigen Wiederholung verbirgt sich das Besondere. Es ist das einzige Gebet, das uns unmittelbar von Jesus überliefert wurde. Hier dürfen wir mit Gewissheit sagen: Ja, das sind wirklich seine Worte. Es gibt kaum einen anderen Text, in dem uns Jesus so authentisch im Originalton begegnet. Und das spielt für alle Konfessionen eine bedeutende Rolle, egal, wo man hinschaut.


Eine Neuentdeckung nach vielen Jahren

Ich möchte dir heute erzählen, wie mir dieses Gebet seit einiger Zeit ganz neu wichtig geworden ist. Es ist fast so, als hätte ich es nach all den Jahren zum ersten Mal wirklich entdeckt. Ich habe begonnen, das Vaterunser als ein tragendes Fundament in meiner täglichen Routine zu begreifen.

Früher war es für mich natürlich auch präsent. Ich konnte es auswendig, so wie du vielleicht auch. Aber es war eben lange Zeit nur eines von vielen Gebeten. Inzwischen jedoch begleitet es mich tatsächlich durch den gesamten Tag. Ich bete es am frühen Morgen, wenn ich in der Kirche sitze und meditiere, noch bevor ich richtig mit dem Tag beginne. Es findet seinen Platz, wenn ich vormittags die Arbeit aufnehme oder mich am Nachmittag wieder an den Schreibtisch setze – ebenso wie vor der Messe oder dem Schlafengehen.

Hast du dich schon einmal gefragt, was ein solches Ritual in einem unruhigen Alltag bewirken kann? Für mich ist diese neue Gewohnheit überaus lieb geworden. Es ist ein schönes, lebendiges Ritual, das mir Struktur und festen Halt gibt.


Der Impuls von Rudolf Steiner

Diese Sichtweise verdanke ich einem Video über Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie. Sein Umgang mit dem Gebet hat mich tief berührt und eine Ebene der ganz bewussten Verbindung in mir geweckt. Steiner pflegte die Gewohnheit, jeden Abend pünktlich um 18:00 Uhr laut das Vaterunser zu beten.

Selbst in Gegenwart anderer wurde dieses Gebet ganz selbstverständlich gesprochen. Zeitzeugen berichteten sogar, wie sie an seiner Zimmertür vorbeigingen, als er bereits bettlägerig war, und seine klare Stimme vernahmen. Für ihn war die Pünktlichkeit dabei entscheidend. Warum? Weil sie eine andere Dimension öffnete und einen echten Kontaktpunkt zur geistigen Welt schuf.

Es liegt eine eigene Kraft darin, zur immer gleichen Zeit das Gleiche zu tun und sich so mit Jesus, mit dem Glauben und der geistigen Welt zu verbinden.


Eine universelle Gemeinschaft

Daraus erwächst die Erfahrung einer tiefen und universellen Gemeinschaft. Wenn ich diese Worte spreche, verbindet mich das unmittelbar mit Jesus. Ich bin ihm in seinen Worten ganz nah. Gleichzeitig vereint mich das Gebet mit all jenen Menschen, die es zeitgleich mit mir oder schon lange vor mir gesprochen haben.

  • Egal ob Anthroposophen, Katholiken, Protestanten oder Orthodoxe: In diesem Moment bin ich mit ihnen allen tief verbunden.

  • Es öffnet sich eine Dimension jenseits des rein Kognitiven, eine Sphäre des Seins, in der Gott ruht.

  • Zwar ist Gott überall gegenwärtig, doch im Vaterunser finden wir eine Brücke in jenes Reich, in dem er ganz besonders präsent ist.


Die Perspektive verändern

Dieses Gebet hilft mir dabei, mich immer wieder neu auszurichten und mich nicht im rein Materiellen zu verlieren. Anstatt planlos in den Tag hineinzustolpern – du kennst das vielleicht: Computer an, die To-do-Liste im Blick und sofort loslegen – mache ich es jetzt anders.

Ich zünde erst eine Kerze an, bete das Vaterunser und beginne dann mein Tagwerk. Es fühlt sich anders an. Es ist ein bewussterer Start. Auch wenn ich um 18:00 Uhr oft nicht beten kann, weil wir im Kloster dann unsere Vesper feiern, nutze ich doch den Moment davor für diesen „Anruf Gottes“.

Die Worte „Vater unser im Himmel“ zu sprechen, verändert die Perspektive auf alles, was folgt. Dieser schlichte Text wendet sich so klar an den Ursprung des Lebens und hat die Kraft, unser gesamtes Sein Schritt für Schritt zu verwandeln.

Vielleicht kannst du es ja auch selbst in der kommenden Woche für dich nutzen? Morgens, mittags oder abends – zu bestimmten Zeiten, die für dich Sinn ergeben.

David Damberg


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