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Weitere InformationenIch glaube ja, dass Gott zurückgetreten ist.
Ja, genauso wie Politiker oder Könige zurücktreten, ihre Macht abgeben, ihre Insignien niederlegen. Es gibt noch eine kleine Feier, einen Dank, ein paar schöne Worte – und dann verschwindet der alte Regent aus dem Rampenlicht. Nur: Bei Gott gibt es keinen Nachfolger.
Gott ist zurückgetreten – und niemand hat seinen Platz eingenommen.
Er hat seine Kontrolle abgegeben. Und ich glaube, das war der Moment, als er diese Welt erschaffen hat.
Nicht, dass Gott verschwunden wäre. Nicht, dass er nichts mehr mit uns zu tun hätte. Aber er greift nicht mehr ständig ein. Er hebt nicht dauernd die Naturgesetze auf, nur damit es uns besser geht oder ein Unglück verhindert wird. Er hat sich entschieden, die Kontrolle abzugeben – damit diese Welt sich selbst entwickeln kann. Damit sie wachsen kann.
Und vor allem:
Damit wir frei sind.
Freiheit als Voraussetzung für Liebe
Wenn Gott die Kontrolle behalten hätte, wären wir bloße Marionetten.
Aber Liebe gedeiht nur in Freiheit. Man kann niemanden zwingen zu lieben – Liebe ist immer eine Entscheidung, eine Bewegung des Herzens.
Darum hat Gott sich zurückgezogen.
Damit der Mensch lieben kann.
Damit er wählen kann.
Damit er sagen kann: „Ich glaube nicht an Gott“ – und die Welt bleibt bestehen.
Oder: „Ich hasse Gott“ – und sie bricht trotzdem nicht zusammen.
Sogar als man Gott in Jesus ans Kreuz schlug, als man ihn tötete – selbst da ist die Welt nicht zerbrochen.
Ganz im Gegenteil.
Das große Experiment
Ich glaube, Gott schaut auf diese Welt und fragt sich:
Können Menschen das Richtige tun, ohne gezwungen zu werden?
Können sie aus Einsicht handeln – nicht nur aus Wissen, sondern aus einer tiefen, inneren Klarheit, aus Liebe?
Und manchmal tun wir das. Nicht immer, klar. Wir liegen oft daneben, wir machen Fehler, wir verletzen andere. Aber vielleicht gehört das dazu. Vielleicht ist das Teil dieses Projekts, in dem wir alle stehen: die Freiheit zu haben, zu scheitern – und wieder aufzustehen.
Das Schöne sehen
Und ich glaube nicht, dass Gott darüber verbittert ist, dass es nicht „perfekt“ läuft.
Er sieht auch das Schöne, das Wunderbare, das sich entfaltet hat.
Er sieht die Blüte einer Orchidee.
Die Liebe zwischen zwei Menschen.
Das Lächeln eines Menschen, der durch den Wald geht.
Die Ameise, die emsig über den Boden krabbelt.
All das – das ist Frucht seines Rücktritts.
Dafür, glaube ich, hat sich das alles gelohnt.
Für jedes kleine Stück Liebe. Für jede Treue, jede Fürsorge, jede Freundlichkeit zwischen Menschen.
Wie Gott einmal zu Ninive sagte:
„Wenn nur ein Gerechter in der Stadt ist, will ich sie nicht vernichten.“
Vielleicht ist das der Punkt.
Es braucht gar nicht viel, um diese Welt zu erhalten – ein paar Menschen, die einander ehrlich lieben, genügt.
Das Geschenk des Rücktritts
Ja, wir sehen den Missbrauch der Freiheit, die Dunkelheiten, das Chaos.
Aber trotzdem dürfen wir uns freuen – über das, was durch Gottes Rücktritt möglich wurde.
Dass du lieben kannst.
Dass du Freude empfinden kannst.
Dass du dich entscheiden kannst, was du mit deinem Leben machst.
Das alles ist Ausdruck dieses göttlichen Rücktritts.
Und vielleicht ist genau das das größte Geschenk, das uns gemacht wurde.

