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Passt schon!

Seit fünf Wochen leben nun mit Bruder Cyprian und Bruder Victor zwei Brüder aus Tansania in der Cella und lernen fleißig Deutsch. Und ich lerne kräftig mit. Zum einen kann ich mein Englisch wieder aufpolieren, wenn es darum geht, manche Dinge und Absprachen zu treffen, die auf Deutsch noch nicht funktionieren. Aber ich lerne auch viel über meine eigene Muttersprache: Dinge, die mir erst auffallen, wenn ich sie erklären soll – und dann irgendwie gar nicht richtig erklären kann. Passt schon! ist eine solche Wortverbindung, bei der man fast verzweifeln kann, wenn man einem nicht Muttersprachler den Sinn dieser Worte nahe bringen will. Bedeutungen wie: Habe ich doch gerne gemacht, bitte schön, kein Problem, nicht der Rede wert, aber auch: Lass mal gut sein, habe ich keine Lust mehr, darüber zu reden, mach da nicht so einen Aufstand draus, kann dieser Satz je nach Kontext bedeuten. Wenn die Chemie stimmt Noch vor gar nicht langer Zeit wurde die Aussage: „Das passt schon“eher für frisch Verliebte gebraucht, und zwar meistens von den Außenstehenden, die beobachtet hatten, …

Heilende Berührung

Heilende Berührung Wenn es mir nicht so gut geht, dann ist es manchmal schön, wenn mich ein lieber Mensch berührt: mir eine Hand auf den Bauch legt, wenn es da bei mir rumort, oder eine Hand auf die Schultern legt,  wenn sie verspannt sind. Bei den Schultern ist das manchmal mit ein bisschen kneten und bewegen verbunden, aber eigentlich reicht oft einfache die Hand, die liebevoll und zugleich so intensiv auf einem Körperteil liegt. Manche Bauchschmerzen lassen sich damit bestens vertreiben. Wer traut sich zu heilender Berührung? Allerdings hat die liegende, die ruhende Hand auf dem Körper fast etwas Intimes. Wir trauen uns kaum, jemanden außer dem festen Partner so zu berühren. Sogar wenn wir einen Kranken besuchen, bleibt das oft ein Tabuthema, selbst wenn in uns das Gefühl aufsteigt, dass eine Berührung ganz wohltuend wäre. Die Vorstellungen der klassischen Heilkunst und unseres Gesundheitswesens gehen eher auf klare Medikamente oder aber richtige therapeutische Techniken. Die heilende Berührung durch Hände hat leicht den Geschmack des Esoterischen oder gar des Unseriösen. In meiner Praxis treffe ich aber …

Hilfe, ich werde alt

Altwerden ist keine Krankheit

Seit ich diesen Satz vor vielen Jahren das erste Mal bewusst aus dem Mund eines Hals-, Nasen- und Ohrenarztes gehört habe, verwende ich ihn selber gerne gegenüber meinen Patienten in der Praxis. Veränderungen der Stimme im Alter gibt es viele, und es ist für uns selbstverständlich, dass wir auch am Telefon, also allein über den Klang der Stimme, das Alter eines Menschen relativ gut einschätzen können. Eine alte Stimme klingt anders als eine junge Stimme. Zunächst entwickelt sich die Stimme in Lautstärkeumfang und Kraft. Später verliert sie die Höhe oder die Lautstärke, das Vibrato wird größer und vielleicht unsymmetrischer: Klangeindrücke, die in unserer Gesellschaft nicht positiv konnotiert sind. Aus guten Chören wird man dann zuweilen aussortiert, darf möglicherweise noch in die Seniorenkantorei wechseln, wenn man nicht sowieso schon in einem Chor ist, in dem man „mitaltert“. Altwerden ist keine Krankheit – aber manchmal fühlt es sich so an. Manche natürlichen Veränderungen des Alters sind kaum zu unterscheiden von einer Krankheit, die vielleicht nach einiger Zeit auch wieder weggeht. Und manchmal zeigt sich Altern gerade darin, …

Ein bisschen Kühlung

In den ganz besonders heißen Tagen dieses Sommers kommt mir immer wieder ein Satz aus einem Gesang an Pfingsten in den Sinn: „Hauchst in Hitze Kühlung zu“. Er steht in der Pfingstensequenz, also einem Gesang, der an Pfingsten vor dem Evangelium gesungen wird. Manchmal singen wir ihn auch auf Lateinisch – und dann heißt es noch treffender: dulce refrigerium – süßes Erfrischen und Abkühlen. Ich habe jedenfalls in diesen Tagen eine große Sehnsucht nach Erfrischung und Abkühlung gehabt. Alles ganz normal, wie es uns die Mediziner erklären: In der Hitze wird der Körper matt und beginnt stark zu schwitzen. Mit dem Schweiß versuchen wir, den Körper irgendwie wieder abzukühlen und auf Normaltemperatur zu bringen. Dabei weiten sich die Blutgefäße, der Blutdruck sinkt und der Kreislauf wird geschwächt. Mögliche Folgen sind: Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Mattigkeit und ein bisschen Schwindel. Menschen, deren Kreislauf nicht so stabil ist, leiden in diesen Tagen besonders; ebenso Babys und Kinder, bei denen die Schweißproduktion noch nicht ausreichend ist, um den Körper wieder abkühlen zu können. Aber wie kann ich mich gut erfrischen? …

Genug! – Wann ist es eigentlich genug?

Menschen „ziehen die Reißleine“ und verändern ihr Leben. Sie geben eine verantwortliche Position kurzfristig und plötzlich ab. Wenn es sich dabei um eine Parteivorsitzende handelt, wird das Ganze tagelang medial breit besprochen. Und ich beobachte bei mir selber, wie ich Kommentare und Berichte dazu nachlese und auch irgendwie berührt bin über die Klarheit, die ein Mensch ausstrahlt, wenn er sagt, dass es jetzt genug ist. Die breite Palette zwischenmenschlicher Beziehungen scheint dabei sichtbar zu werden: Worte des Respekts, der Ermutigung zum Durchhalten und zum Zusammenhalt – vielleicht das ein oder andere schlechte Gewissen, durch eigenes Verhalten für diese Entscheidung mitverantwortlich zu sein. Wahrnehmung für das, was mir gut tut Ich musste in diesen Tagen darüber nachdenken, wie ich bei mir selber wahrnehmen kann, wann etwas genug ist. Bei den bekannten Fällen der Tagespolitik hat man den Eindruck, dass etwas nicht mehr stimmig ist, das es nicht mehr auszuhalten ist. Also eher ein: Es reicht – ich mache nicht mehr so weiter. Gibt es denn auch ein positives Gefühl von genug? Eine Wahrnehmung für das, was …

Ein gutes Gefühl im Bauch

Ein gutes Gefühl im Bauch

Ein gutes Gefühl im Bauch Mit Schmunzeln denke ich gerne an eine kleine Begebenheit zurück, als eine Gruppe aus dem benachbarten Kindergarten in der Cella zu Besuch war. Zum Abschied fragte mich ein kleiner Junge, der noch neu im Kindergarten war: „Hast Du auch ein Baby im Bauch?“. Die beiden daneben-stehenden Erzieherinnen konnten ihr Schmunzeln nur mühsam unterdrücken und auch ich habe diesen schönen Satz nicht vergessen. Da war in der Familie wohl Nachwuchs in Sicht und der Junge hatte beobachtet, wie ich liebevoll meine Hand auf meinem Bauch liegen hatte, was ich manchmal einfach gerne tue. Von einem Waschbrettbauch bin ich meilenweit entfernt. Bei mir gibt es eher die liebevollen Rundungen, die den Jungen tatsächlich und auch ganz berechtigt an eine Schwangerschaft erinnern, auch wenn die Ursachen für meine Rundungen natürlich ganz woanders liegen. Das habe ich dem Jungen dann ganz freundlich erklärt und nach einem „ach so“ war die Sache für ihn dann auch erledigt. Ein angespannter Bauch macht schnell auch Bauchschmerzen Seitdem denke ich häufiger über das gute Bauchgefühl nach – das …

Wenn die Nase voll ist

Wenn die Nase voll ist

Zusammen mit dem schönen Wetter der letzten Tage hat bei vielen Menschen auch die Heuschnupfen-Saison begonnen. Die Nase läuft, die Augen brennen, Husten und Räuspern kommt dazu. Wie sehr die Nase mit dem Wohlbefinden zusammenhängt, konnte ich den in den letzten Tagen wieder deutlich spüren. Auch meine Nase war mehr mit Schleim als mit Luft gefüllt und besonders morgens nach dem Aufstehen hatte ich große Mühe, meinen Nasenweg wieder für die Atmung freizubekommen. Wenn auf dem Nasenweg bis zum Riechzentrum viel Schleim ist, dann bleiben die eingearbeiteten Partikel sozusagen in der Nase hängen. Sie kommen gar nicht bis zum Riechzentrum und können überhaupt nicht ausgewertet werden. Dann kann ich nicht richtig riechen und auch nicht richtig schmecken – denn die wichtigsten Informationen zum Geschmack meiner Nahrung liefert ebenfalls die Nase. Indikator für Ärger und Stress So bin ich in diesen Tagen besonders an meiner Nase hängen geblieben und das im doppelten Sinne des Wortes. Unsere Sprache hat viele Redewendungen, die mit der Nase zu tun haben: Ich hab die Nase voll. Meistens sage ich das …

Fühlst Du schon und denkst Du noch?

Eine Möbelkette hatte diesen Satz mit anderen Verben bekannt gemacht. Und immer wieder, meistens zum Spaß, fülle ich diesen Satz mit neuen Verben: Fühlst Du schon oder denkst Du noch. Manchmal auch: Glaubst Du noch oder fühlst Du schon. Mir passiert das meistens in Situationen in der Praxis. Da bitte ich die Patienten häufig, den eigenen Körper oder die eigene Stimme wahrzu-nehmen und ihre Wahrnehmung zu beschreiben. Besonders in den ersten Therapieeinheiten fällt das manchen Menschen gar nicht leicht. Und dann bekomme ich beispielsweise Antworten wie: „Bestimmt ist meine linke Seite heute wieder angespannter als die rechte Seite.“ Manchmal vermute ich dann, dass mein Patient sich vor allen Dingen gut gemerkt hat, was ich in der letzten Therapie gesagt habe – aber leider nicht, wie ich es gewünscht hatte, in seinen Körper gespürt hat. Manche sagen dann auch ganz spontan: „Ich glaube, meine linke Seite ist angespannt.“ Auch bei einer solchen Antwort versuche ich natürlich, genau zu erkennen, welche Bedeutung hinter diesem „ich glaube“ steht. Und manchmal ist in diesem Kontext die Bedeutung von „ich …

In Sicherheit und gefühlt sicher

In Sicherheit und gefühlt sicher

In Sicherheit und gefühlt sicher Sicherheit ist eine Grundsehnsucht des Menschen. Schon als Kind brauchen wir für unsere Entwicklung Sicherheit. In der Nähe der Eltern lernen wir üblicherweise dieses Urvertrauen, dass für unsere Entwicklung so entscheidend ist. Aber auch Jahrzehnte später, als Erwachsene, reagieren wir oft sehr sensibel und ängstlich, wenn unsere gefühlte Sicherheit gestört wird. Ein Datenleck, ein möglicher Hacker-Angriff, wie wir es in diesen Tagen erlebt haben – und schon fühlen sich Menschen mit ihren persönlichen Daten im Internet unsicher. Zuständige Politiker sind herausgefordert, große Programme zu entwerfen und der ganzen Bevölkerung in diesem Bereich mehr Sicherheit zu versprechen. Wenige Tage zuvor waren es noch prügelnde Jugendliche, die vermeintlich das Sicherheitsgefühl vieler Menschen beeinträchtigt haben und zum Teil die gleichen Politiker herausgefordert haben, mit neuen Programmen zu diesem Thema für mehr Sicherheit zu sorgen. Was brauche ich, um sicher zu sein? Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen? Die allermeisten Menschen unserem Land werden bei ehrlichem Nachdenken allerdings feststellen, dass ihnen in den letzten Tagen weder prügelnde Jugendliche begegnet sind noch irgendwelche …

Stress lass nach

Stress, lass nach…

Stress, lass nach… „Ist es bei Ihnen auch so schlimm vor Weihnachten“, wurde ich in den letzten Tagen häufiger gefragt. Meistens schließt sich an diese mitleidsvolle Frage auch gleich der Jammer an, wie stressig die Adventszeit gerade wieder ist. Und tatsächlich könnte ich problemlos in diese Klage einstimmen: In der Winterzeit ist die Praxis deutlich voller, im Kloster gibt es viel mehr Dinge vorzubereiten, in der Verwaltung ist der Jahresabschluss vorzubereiten – die Liste ließe sich fast beliebig verlängern. Also der echte „Advents-Stress“. Allein dieses zusammengesetzte Wort hat im tiefsten Sinne etwas Antagonistisches. Stress ist körperlich gesehen eine Notfallreaktion, die uns befähigt Auseinandersetzungen mit einer Gefahrensituation gut bestehen zu können. Advent ist eigentlich eine Zeit des Wartens auf die Ankunft des Erlösers. Da sollte uns doch überhaupt keine Gefahr drohen – ganz im Gegenteil. Der vererbte Schutzmechanismus Theoretisch alles klar –  und doch kennen viele in diesen Tagen die körperlichen Erfahrungen von Anspannung und Belastung. Der Körper reagiert wie bei Gefahr. Diese Gewohnheit hat der Mensch seit vielen Tausenden von Jahren erlernt und bewahrt. Hormone …