Alle Artikel in: Karl-Leo

Immer schön locker bleiben

Manchmal bekommen Worte eine neue Bedeutung – oder ich müsste genauer sagen: eine zusätzliche Bedeutung. Mit Lockerung habe ich seit vielen Jahren zu tun, mit der Lockerung der Muskulatur. Im Plural habe ich das Wort eigentlich nie genutzt – bis vor wenigen Wochen. Tatsächlich rede ich oft über nötige Lockerungen. Oft geht es dabei weiterhin um die Muskulatur, oft aber auch um die Entscheidungen der politisch Verantwortlichen im Rahmen der Corona-Pandemie. In den letzten Tagen denke immer mehr darüber nach, wie das eine und das andere zusammenhängen. Bei meiner Arbeit in der Praxis begegne ich vielen Menschen, die in diesen Tagen körperlich sehr angespannt sind. Manche haben es schon bemerkt und sprechen es selbst als Thema für die Therapiestunde an. Manche sagen erst am Ende der Stunde, dass sie gar nicht wahrgenommen haben, wie angespannt sie waren. In Unsicherheit spannt die Muskulatur an Auch bei mir selber beobachte ich, wie mir eine Spannung in den Gliedern sitzt. In den letzten Wochen „will meine Nacken nicht richtig locker werden“, auch wenn ich manche Übung regelmäßig im …

Fürchtet Euch nicht!

Die List, der Stadtteil, in dem unsere kleine Cella liegt, gehört zu den dicht besiedelten Stadtteilen in Hannover. Wenn ich in den Tagen vor Ostern durch unseren Stadtteil spazieren gegangen bin, waren die Straßen voll. Auch die Waldwege in der Eilenriede, dem Stadtwald in unserer Nähe, sind reich frequentiert. Dass man Menschen begegnet, dass man Menschen nahe kommt  – lässt sich auch beim besten Willen nicht verhindern. Spätestens beim Überqueren einer Ampel, aber auch schon auf Wanderwegen lässt sich der Mindestabstand von zwei Metern nicht immer einhalten. Interessant fand ich vor allen Dingen, wie die einzelnen Menschen mit dieser Situation umgegangen sind: Da gab es die mit Gesichtsschutz fast vermummten Menschen, die mich mit ihrer Gestik und Körperhaltung bereits Meter vorher aufmerksam machten, dass ich ihnen nur ja nicht zu nahe komme, und auch eine kleine Gruppe vergleichsweise Unsensibler, die noch nie etwas von Corona gehört zu haben schien. Liebevolle Achtsamkeit Bei den meisten Menschen beobachtete ich eine eher liebevolle Achtsamkeit: an der breiten Stelle des Weges kurz stehenzubleiben, damit sich genau dort die Wege …

Die überraschende Leere und die geschenkte Zeit

Durch Zufall lass ich in den letzten Tagen einen Abschnitt über „Die große Leere“ – einen intergalaktischen Leeraum zwischen dem Pulsar Borgia und dem Galaxiencluster Coma Berenices. Schnell war ich dabei an die Grenzen meines physikalischen Verstehens geraten: Wie soll ich mir dreiviertel Quadrillinonen Kubiklichtjahre vorstellen, die dieses schwarze Loch groß ist? Wie den Ort vorstellen, der einfach nur Leere ist? Und gerade diese Leere fasziniert die Forscher sehr – sie wollen verstehen können, was es mit dieser „großen Leere“ auf sich hat. Eine andere Leere hat mich diese Woche ebenfalls überrascht: Nachdem ich alle Termine in meinem Kalender gestrichen hatte, die ich in den nächsten Wochen nicht mehr wahrnehmen kann und soll, ist mein Terminkalender plötzlich leer. Leere im Kalender – seit ich ein Terminkalender führe, habe ich das noch nicht erlebt. Zwischen Entspannung und Verunsicherung Endlich einmal all das wegschaffen, was schon so lange liegen geblieben ist. Endlich einmal die Dinge in Ruhe tun, für die sonst die Zeit fehlt. Das ist zum einen eine schöne Aussicht. Fast wie Urlaub. Aber natürlich ist …

Passt schon!

Seit fünf Wochen leben nun mit Bruder Cyprian und Bruder Victor zwei Brüder aus Tansania in der Cella und lernen fleißig Deutsch. Und ich lerne kräftig mit. Zum einen kann ich mein Englisch wieder aufpolieren, wenn es darum geht, manche Dinge und Absprachen zu treffen, die auf Deutsch noch nicht funktionieren. Aber ich lerne auch viel über meine eigene Muttersprache: Dinge, die mir erst auffallen, wenn ich sie erklären soll – und dann irgendwie gar nicht richtig erklären kann. Passt schon! ist eine solche Wortverbindung, bei der man fast verzweifeln kann, wenn man einem nicht Muttersprachler den Sinn dieser Worte nahe bringen will. Bedeutungen wie: Habe ich doch gerne gemacht, bitte schön, kein Problem, nicht der Rede wert, aber auch: Lass mal gut sein, habe ich keine Lust mehr, darüber zu reden, mach da nicht so einen Aufstand draus, kann dieser Satz je nach Kontext bedeuten. Wenn die Chemie stimmt Noch vor gar nicht langer Zeit wurde die Aussage: „Das passt schon“eher für frisch Verliebte gebraucht, und zwar meistens von den Außenstehenden, die beobachtet hatten, …

Licht ist Leben

Viele Menschen sind in den letzten Tagen ein bisschen müder und schlapp, anders als noch vor wenigen Wochen. Und die Ursache dafür ist zumindest in der Meinung der meisten Menschen relativ klar: das graue Wetter. Tatsächlich bekommt unser Körper im Winter deutlich weniger Licht als im Sommer. Und unser Organismus reagiert sehr stark auf die Menge an Licht, die an unsere Augen und auf unserer Haut kommt. Aus der Praxis sind mir die gleichartigen Reaktionen meiner Patienten wohl vertraut. Da kann es passieren, dass an einem Tag nahezu jeder Patient, der zu mir kommt, berichtet, dass er sich gerade müde und erschöpft fühlt. Und während ich es in jüngeren Jahren eher belächelt habe, wenn Menschen ihre Stimmung vorrangig mit dem Wetter erklären, kann ich dem mittlerweile immer mehr abgewinnen. Schon seit vielen Jahren kann die medizinische Forschung genau nachweisen, wie ein fallendes Licht auf die Hormonsteuerung unseres Körpers wirkt. Licht schafft Rhythmus Alles Leben auf der Erde ist räumlich, aber auch zeitlich organisiert und viele Vorgänge laufen rhythmisch ab. Zwei zentrale Rhythmen für jeden Organismus …

Die Suche nach der Mitte

Die Suche nach „der Mitte“ beschäftigt seit Wochen die Medien – und besonders eine Partei, die sich selbst als „Partei der Mitte“ bezeichnet. Die hohe emotionale Brisanz, die durch unsere Geschichte bei diesem Thema mitschwingt, verdrängt für viele fast völlig, dass die „politische Mitte der Gesellschaft“ ein kleiner und auch sehr spezieller Akzent von Mitte ist – ohne Zweifel ein wichtiger. Denn eigentlich bezeichnet Mitte einen Ort im Raum oder auf einer Strecke. In meinem Alltag in der Praxis suche ich auch oft mit Menschen nach der Mitte. Dabei geht es eher um körperliche Fragen. Es geht um die Balance im Körper. Während meiner Arbeit in der Stimmtherapie spreche ich oft mit Menschen über ihren Stand, über ihre Aufrichtung auf den Füßen. Und auch da erlebe ich sehr körperlich: Es gibt Menschen mit einer klaren Mitte. Das Becken, der Schultergürtel, die Arme, der Kopf – alles ist symmetrisch angeordnet. Diese Menschen sind oft fest mit beiden Beinen auf dem Boden verwurzelt, sie sind nicht krumm und drohen nicht, leicht zu fallen. Die Mitte findet man …

Hexenschuss

Im Winter schießt die Hexe gern…

Eine falsche Bewegung, und schon ist es passiert. Im Rücken ist ein stechender Schmerz, jede Bewegung, jeder Schritt tut weh. Mit zunehmendem Alter macht fast jeder irgendwann die Erfahrung von plötzlichen Rückenschmerzen. Meistens ist der untere Rücken und die Lendenwirbelsäule davon betroffen, häufig zieht der Schmerz aber auch bis in den Brustkorb und manchmal bis in die Beine. Im Winter, bei kalten und feuchten Temperaturen, sind Menschen viel häufiger davon betroffen als im Sommer. In der letzten Woche kamen viele Menschen mit starken Verspannungen im Rücken zu mir in die Praxis. Und auch ich selbst habe seit einigen Tagen mit meinem Rücken zu tun. Zum Glück lösen sich diese Rückenschmerzen in vielen Fällen durch vorsichtige Bewegung, gezielte Übungen und etwas Schonung leicht wieder auf. In unserer Alltagssprache hat sich für ganz akute Schmerzen der Begriff Hexenschuss dafür entwickelt. Das plötzliche Auftreten der Schmerzen, meist ausgelöst durch eine einzelne Bewegung, und weckt die Erinnerung, als hätte eine fremde Macht uns verhext. Wenn die Muskeln plötzlich krampfen Schuld an den Schmerzen ist dann eine schlagartige Verkrampfung der …

Warten und Erwarten

Schon im November drehte sich auf dem Weihnachtsmarkt auf der Liste Meile das Kinderkarussell. Im Beat eines Disco Fox, unterlegt mit kräftigem Schlagzeug, dröhnte „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all“ aus den Boxen. Aber die Kinder kommen noch gar nicht. Vereinzelt ein paar genervte Mütter, die ihre Kinder ein paar Runden kreisen lassen in der Hoffnung, dass es dann mit weniger Geschrei weitergehen kann. Advent – eine Zeit des Wartens? Dazu gibt es natürlich viel Frommes zu lesen und ich selbst bin mir natürlich der Bedeutung des Wartens auf die Ankunft Gottes durchaus bewusst. Aber wenn ich in diesen Tagen durch die Stadt gehe, entsteht in mir immer mehr die Frage: Auf was warten die Menschen eigentlich hier wirklich? Hat der vorweihnachtliche Stress, den viele von uns so beklagen, etwas mit „dem Warten“ zu tun? Meine Erwartungen an mich selbst Beim genaueren Nachspüren entdecke ich eher eine Zeit der Erwartungen als eine Zeit des Wartens. In den Tagen vor Weihnachten steigen bei ganz vielen Menschen die Erwartungen. Diese Erwartungen können ganz unterschiedlicher Art sein: …

Bär schäft - Zeit für den Winterschlaf

Zeit für den Winterschlaf

Jetzt ein paar Wochen Winterschlaf und dann geht es im Frühjahr fröhlich weiter. Ja, ich kenne die Sehnsucht, der Winter, vor allem der November und Dezember mögen schnell vergehen, gerne auch mit einem Winterschlaf, wie bei manchen Tieren. Der Terminkalender ist in dieser Zeit fast immer zu voll. Wenn ich ehrlich vor mir bin, spüre ich, wie schwierig es ist, die Vorfreude auf die Geburt Christi – über die ich natürlich viele schöne Dinge sagen kann, die ich auch selber glaube  – in meinem Alltag auch wirklich zu spüren. Keine Lust auf Winterblues Aber woran liegt dieser „Winterblues“ – und vor allem: Lässt er sich irgendwie verändern? Wenn das Wetter kühler und damit oft auch „schmuddeliger“ wird, verliere ich als erstes die Lust, mich an der frischen Luft zu bewegen. Im Sommer fahre ich gerne und viel mit dem Fahrrad und nutze die freie Zeit für Touren. Im Herbst ist mir dann das Wetter zu schlecht und je weniger ich fahre, umso weniger Lust habe ich auch auf die Bewegung und das Fahrradfahren. In den …

Wer singt, lebt gesünder

Viele Menschen zieht es in die Klöster oder zumindest in die Gebetszeiten der Klöster, weil sie angerührt sind vom Gesang der Mönche oder der Nonnen. Auch in der Cella sind unsere Gebetszeiten zum überwiegenden Teil gesungen. Manchmal sind die Gesänge kunstvoll und ausgeschmückt, häufig aber auch in einer eher schlichten Form mit durchaus einfachen Melodien – wie beispielsweise in den regelmäßigen Stundengebeten. Aber: Warum singen wir? Wäre sprechen nicht viel einfacher? Wäre Stille nicht viel angemessener? Und könnten sich die Klöster nicht den mit dem Gesang verbundenen Aufwand sparen und etwas Sinnvolleres mit der Zeit tun? Der Körper verändert sich durch Klang Auch die gemeinsame Stille kann etwas zutiefst Faszinierendes haben, aber für die meisten Menschen hat der gemeinsame Gesang doch die höhere Anziehungskraft. Was macht das Singen so besonders? In den letzten Jahrzehnten ist es vor allen Dingen die Medizin, die sich mit der heilenden Wirkung des Singens und des Tönens beschäftigt. Vieles lässt sich heute wissenschaftlich untersuchen, was besonders auch in den Klöstern über Jahrhunderte als intuitives Erfahrungswissen weitergegeben wurde. Der heilige Augustinus …